Die Jagd aus wildbiologischer und aus raumplanerischer Sicht
Während die Jäger Einschränkungen von sich weisen und auf ihre Leistungen in der
Landschaftspflege verweisen, stösst dies in städtischen Gebieten auf Ablehnung.
Bernhard Nievergelt, emeritierter Professor für Wildbiologie und
Naturschutz-Ökologie der Universität Zürich, sieht die Jagd als Teil einer
übergeordneten Raumplanung.
le. Die Jagd wie auch deren Einschränkungen geben regelmässig Anlass zu hitzigen
Diskussionen. Während die Jäger auf hohen Abschusskontingenten bestehen und die
Jagd als wichtigen und unentgeltlich geleisteten Teil der Landschaftspflege
preisen, machen vor allem Tierschutzkreise gegen die gegenwärtig praktizierte
Wildhege mobil. Die Jagd wildlebender Tiere wird grundsätzlich abgelehnt und als
widerlich bezeichnet. Das Jagen sei längst zu einem unzeitgemässen Hobby
verkommen, das zu verbieten sei. Jenseits der Diskussion, ob sich der Mensch aus
kulturhistorischer Sicht noch als Jäger betätigen soll, bleibt zu bemerken, dass
das Fleisch von Wildtieren zumindest aus artgerechter Haltung kommt, was
angesichts heutiger Tierfabriken keine Selbstverständlichkeit mehr darstellt.
Jagd zur Minimierung von Wildschäden?
Gemäss Weisungen der eidgenössischen und kantonalen Forstbehörden hat die Jagd
den Auftrag, Wildschäden in Bann- und Wirtschaftswäldern zu begrenzen sowie die
Wildbestände nachhaltig zu nutzen. Die Schweiz kennt zwei Systeme, um diese
Vorgaben zu erfüllen. In den Mittellandkantonen herrscht vorwiegend das
Revierjagd-System vor; hier übernehmen Jagdgesellschaften die Verantwortung für
das Wild, dessen Fortbestand sowie für Schäden in Wald und Landwirtschaft. In
den Bergkantonen dominiert das Patentjagd-System. Hier entscheiden die
kantonalen Jagdbehörden über Abschusskontingente, Banngebiete und andere Hege-
und Schutzmassnahmen. Den zentralen Streitpunkt stellen dabei die
Abschussregelungen dar. Die Jäger wünschen möglichst grosse Freiheiten; die um
den Wildbestand besorgten Behörden schränken diese ein.
Wenn die Jagd wirklich der Minimierung von Wildschäden dienen soll, müsste sie
sich nach Meinung von Bernhard Nievergelt weniger an Bestandeszahlen
orientieren. «Die Jagd sollte als Teil einer übergeordneten Raumplanung
angesehen werden», beschreibt er sein zentrales Anliegen. Nievergelt hat sich
als emeritierter Professor für Wildbiologie und Naturschutz-Ökologie der
Universität Zürich mit Wildtieren und den mit ihnen verbundenen Phänomenen und
Problemen auseinandergesetzt. Die Jäger betreiben nach Nievergelts Meinung eine
legitime Nutzung der Ressource Wild, wie sie auch die Forstbehörden vorsehen.
Die von den Jagdverbänden vorgebrachten Argumente, dass die Jagd der
Bestandesregulierung des Wilds diene und dass die dezimierten Wildbestände
weniger Schaden anrichteten, will Nievergelt so nicht gelten lassen. «Eine reine
Bestandesregulierung durch die Jagd ist trivial. Sie wird unserer komplexen
Landschaft und den heutigen Anforderungen an die Wildhege nicht gerecht», sagt
er. Viel Wild richtet nicht automatisch viel Schaden an; ausschlaggebender ist
der menschliche Umgang mit den Wildtieren.
Die grossen Wildtierarten sind in ihren Ansprüchen auf Lebensraum relativ
flexibel. Ihr Hauptanspruch besteht darin, räumlich frei zirkulieren zu können.
Da die Schweiz dicht besiedelt und geographisch stark von Strassen und
Siedlungen zerschnitten ist, werden die Tiere in für unsere Zivilisation
problematische Zonen gedrängt. Bei dieser Entwicklung gibt es Gewinner wie auch
Verlierer: Für viele Arten wie etwa den Baummarder, den Iltis und den Feldhasen
ist die heutige Landschaft kaum mehr bewohnbar. Auch eine jagdliche Schonung
könnte ihr Verschwinden nicht aufhalten.
Andere hingegen verstehen es, das transformierte Raumangebot zu nutzen. «Das
Verhalten der Wildtiere ist ein Spiegel unseres eigenen Verhaltens», erklärt
Nievergelt. In diesem Zusammenhang erwähnt er, dass Rehe heute zwar vorwiegend
im Wald lebten, entgegen der landläufigen Meinung aber keineswegs Waldtiere
seien. Sie bevorzugten als Lebensraum eigentlich das offene Feld schon nur, weil
sie dort x-mal mehr Nahrung finden. Da Rehe aber über ein ausgeprägtes
Lernvermögen verfügten, registrierten sie, dass sie in dichten Wäldern sicherer
seien, erklärt Nievergelt. Gemäss dieser Argumentation provoziert erst der nicht
zielgerichtete Jagddruck Wildschäden wie den befürchteten Jungwald-Verbiss.
Lernfähigkeit des Wilds nutzen
Man müsse sich das Lernvermögen der Tiere zunutze machen, meint Nievergelt. Er
schlägt vor, die Landschaft in Zonen einzuteilen, ähnlich Bauzonenordnungen.
Entsprechend würde dann in sensiblen Forstwirtschafts-Zonen verstärkt gejagt, um
das Schaden anrichtende Wild daraus fernzuhalten. Andere Flächen müssten
konsequent aus den bestehenden Jagdgebieten ausgeschieden werden, damit dem Wild
Lebensräume zur Verfügung stehen, in denen es ungestört einstehen und wechseln
kann. Ausgeschieden werden müssten nach Ansicht von Nievergelt wichtige
Austritts-Gebiete oder die eigens für das Wild geschaffenen Grünbrücken, in
deren Umgebung nach heutiger Regelung paradoxerweise gejagt werden darf. Nur
durch eine klare raumplanerische Einteilung der Landschaft in verschiedene
Nutzungszonen könne man die Präsenz des Wilds wirkungsvoll regulieren, ist
Nievergelt überzeugt.
Probleme bei der Umsetzung solcher raumplanerischer Ansätze ortet Nievergelt im
Umstand, dass die Jagd heute praktisch losgelöst von allen anderen Landnutzungen
betrieben wird. Zweckmässiger wäre, wenn die Jagdplanung neben anderen
Nutzungszielen in die Landschaftsentwicklungs-Konzepte eingebettet würde. Gute
und nachhaltige Lösungen könne man nur disziplinübergreifend finden. Nievergelt
gehörte 13 Jahre dem Zentralvorstand von Pro Natura an und war weitere 13 Jahre
Präsident der Forschungskommission des Schweizer Nationalparks. Er betont, immer
ein Kritiker, nie jedoch ein Gegner der Jägerschaft gewesen zu sein. Als
Pro-Natura-Vorstand hat er sich in den achtziger Jahren gegen die
Jagdabschaffungs-Initiative im Kanton Waadt eingesetzt.
Quelle: Neue Zürcher Zeitung online, CH, vom 27.12.2001